Eine Kollegin berichtet

Hallo Lina*, wir freuen uns, dieses Interview zu deiner aktuellen Arbeitssituation mit dir zu machen. (*Der echte Name der Kollegin bleibt anonym)Was bedeutet die Coronapandemie für das Arbeiten an der Uniklinik? Wie ist die Belastung in deinem Team? Im Moment behandeln wir ausschließlichenPatienten mit Corona. Wir arbeiten im Iso-Bereich, wo wir uns in kompletter Schutzausrüstung (FFP2-3 Maske, Haube, Brille, 2 Paar Handschuhe und Kittel) von Zimmer zu Zimmer bewegen. D.h. wir ziehen uns nach der Übergabe die Schutzkleidung an und bleiben meistens für 2-3 Stunden am Stück am Patientenbett.

Wir sind mindestens zu Dritt in einer Schicht, da wir immer einen „draußen“ brauchen, der uns benötigte Materialien oder Medikamente rein geben kann. Bevor wir raus gehen, schauen wir immer, dass alle Patienten versorgt sind, da jedes An- und Ausziehen mehrere Minuten dauert. Und die Devise ist, weniger istmehr, denn jedes Ausziehen birgt große Gefahren sich anzustecken.

Wenn es trotzdem klingelt, dann ist auch interdisziplinäre Zusammenarbeit mehr denn je gefragt. Dann geht auch mal ein Medizinstudent an die Klingel und sagt uns was los ist und informiert den Patienten, dass wir demnächst zu ihm kommen. Außer es ist ein Notfall, dann reagieren wir alle direkt so schnell wie gewohnt.

Wir achten schon untereinander, dass wir nicht mehr als 4 Stunden am Stück im Iso-Bereich sind, um nicht selbst zu kollabieren und auch die Möglichkeit zu haben zwischendurch was zu trinken, essen und vor allem auf Toilette gehen zu können. Aber leider gibt es auch Tage, wo man mal 5 Stunden mit der gesamten Schutzkleidung arbeitet und bei jeder körperlichen Arbeit stark ins Schwitzen kommt.

Neben der Arbeit am Patientenbett müssen nebenbei diverse andere Tätigkeiten absolviert werden, wie z.B. Medikamentenänderungen bearbeiten, dokumentieren, Infusionen richten, etc. Das passiert meistens „draußen“, wo man mal aufatmen kann.

Belastend ist für uns, dass viele Patienten an einem Tag kommen und gehen. Wenn die Notaufnahme viele Covid-positive Patienten hat, dann müssen diese schnell verlegt werden. Oft kommen am Abend drei neue Patienten und werden am nächsten Tag wieder entlassen oder auf eine andere Station geschickt. D.h. das Triagieren sollte verbessert werden, um für alle sinnloses hin- und her an Arbeit zu vermeiden.

Das klingt sehr anstrengend. Wie empfindest du denn die Situation persönlich? Persönlich belastend ist für mich im Moment der Ausgleich zwischen dem Beruflichen und Privaten zu finden, weil man den ganzen Tag mit Corona zu tun hat. Ich kann schlecht abschalten, weil es aktuell keine Möglichkeiten zum Ausgleich gibt.

Es ist für mich beruhigend zu wissen, dass meine Verwandten und Freunde keine Angst vor mir haben und ich alle 2 Wochen einen Test machen kann.

Das ist nachvollziehbar. Fühlst du dich vom Vorstand ausreichend wertgeschätzt? Ich habe mit dem Vorstand direkt nichts zu tun. Die einzige Wertschätzung die ich mitbekomme ist, dass wir belegte Brötchen bekommen.

Von meinen Gruppenleitungen fühle ich mich wertgeschätzt, da sie immer daraufachten, dass wir zu Dritt im Dienst sind. Denn zu Zweit wäre ein Dienst nicht mehr möglich und sowohl mitarbeiter- als auch patientengefährdend. Wenn kurzfristig keine 3. Personalkraft zu finden ist oder sich jemand krank meldet, dann springen diese auch mal selbst ein.

OK, erwartest du etwas vom Vorstand? Es ist belastend, Arbeiten zu übernehmen, die nicht zu meinen Kernaufgaben gehören z.B. Service- oder Sekretärinnen Arbeit. Für eine Station gibt es nur eine Servicekraft und dadurch geht oft mehr Zeit für Essen auszuteilen und einsammeln drauf, anstatt die Arbeit zu tun, die gesundheitsfördernd für den Patienten sind wie z.B. Pneumonieprophylaxen, Mobilisationen, etc. Stattdessen muss man Schränke auffüllen, damit überhaupt genug Material vor Ort ist. Es sollte wenigsten 2 Servicekräfte pro Station geben, auch im Sinne des Patientenwohls. Ich erwarte von meinem Vorstand eine ausreichende Personalbesetzung, damit wir nicht fasttäglich Überstunden machen und an unsere Grenzen kommen müssen.

Letzte Frage Lina, was wärest du und dein Team bereit zu tun, um Verbesserungen durchzusetzen? Mein Team wäre bereit, Petitionen zu unterschreiben. Je nach dem, worum es geht, ob Prämie oder mehr Personal schätze ich auch eine hohe Bereitschaft ein. Für die Teilnahme an Demonstrationen würde ein Meinungsträger bestimmt viele unmotivierte Mitarbeiterinnen- und Mitarbeiter bewegen können.

Mir persönlich ist die Coronaprämie nicht wichtig und dafür würde ich auch nicht in den Kampf gehen, weil Zeitdruck, Stress und schwere Arbeitsbedingungen kann kein Geld der Welt wieder gut machen. Aber bessere Arbeitsbedingungen wie ausreichend Personal würde uns alle mehr vor einem Pflege-Burnout retten.Die Uniklinik sollte endlich weg von ihrem Sparmodus und stattdessen in einen Personalmodus übergehen, sonst brennen wir bald alle aus. Das ist ein gutes Fazit. Vielen Dank für das interessante Gespräch. Komm‘ gut durch die anstrengende Zeit.

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